Vorsorgekuchen und Vorsorgeküchlein

Impressum: Autor ist Herbert Brändli (Details) – Artikel in Indices, Seite 28, 25. Januar 2010.

Landauf landab locken leckere Kuchen von Plakatwänden. Der Pensionskassenverband ASIP will damit dem Volk im Hinblick auf die Abstimmung im März 2010 eine Senkung der Umwandlungssätze schmackhaft machen. Für die ganze Schweiz soll künftig Anzahl und Grösse der Kuchenstücke mit einem reduzierten Einheitssatz bestimmt werden, was die betriebliche Vorsorge ruinieren wird.

Laut Pensionskassenstatistik wurden im Jahr 2007 vom Arbeitseinkommen von 3,5 Mio. Arbeitnehmern 35 Mrd. Franken nicht ausbezahlt. In diesem und steigendem Umfang fliessen dafür jährlich Beiträge in landesweit rund 2'500 Vorsorgeeinrichtungen. Dort soll künftig der Vorsorgekuchen in immer mehr und kleinere Stücke geteilt werden, weil immer mehr Leute immer länger leben. Diese einfache Logik und die Plakate verschweigen, dass die Backstuben der 2. Säule neben stattlichen Kuchen auch kleinere bis teils mickrige Küchlein zubereiten. Ihre Produktivität beeinflusst die Grösse der Kuchenstücke viel stärker als die Lebenserwartung der heterogenen Kundschaft.

Die Zubereitung des von den künftigen Rentnern voraus finanzierten Teigs obliegt Milizorganen, die sich 4 bis 6 mal im Jahr treffen. Ihre Mitglieder zeichnen verantwortlich, dass der Vorsorgekuchen gedeiht und die Betagten davon lebenslang satt werden können. Spezielle Anforderungen und Qualifikationen werden nicht verlangt. Der Regulator verspricht sich genügend Masse und Qualität, indem er immer detailliertere Rezepturen vorgibt und die Sozialpartner anzahlmässig gleich, d.h. paritätisch in der Verantwortung stehen und „on the job“ ausbilden lässt.

Die Verantwortung teilen sich heute schätzungsweise 15'000 zumeist unbezahlte Chefs. Selbstlos sind sie für die Rohstoffe und Ingredienzen und die gerechte Verteilung ihrer Produkte besorgt. Der insgesamt angesammelte Teig hat einen Wert von 700 Mrd. Franken von dem jährlich in etwa 27 Mrd. Franken konsumiert werden. Weil der Teig aufgeht und mehr Beiträge zu- als Leistungen abfliessen, ist der Kuchen ständig am Wachsen. Nicht so die einzelnen Kuchenstücke. Sie variieren unter den Backstuben sehr stark. Notgedrungen verlassen sich ihre Verantwortlichen auf Händler und Lieferanten, welche zunehmend schlechtere Qualität immer neu verpacken und mit neuen Preisschildern versehen. Manche Vorsorgeeinrichtungen kaufen darum lieber Junk Food und versichern sich mit Fertigprodukten.

Umfang und Qualität des Angebots und die Bedürfnisse der angehenden Rentner sind so unterschiedlich, dass der Zwang für eine einheitliche Bemessung der Kuchenstücke ruinös wirken muss. Im Vergleich zur vergangenen Entwicklung wird mit einem Einheitsumwandlungssatz einem weiteren Leistungsabbau der betrieblichen Vorsorge Vorschub geleistet, wie er seit Einführung des BVG im Jahr 1985 nachdrücklich eingesetzt hat. Die damals von den Backstuben anhand einer Schattenrechnung verlangten minimalen Kuchenstücke sind mittlerweile auf 70 Prozent geschrumpft. Geht die Produktivität bei steigendem Wohlstand weiter zurück, wird die Bereitschaft der aktiven Bevölkerung zur Ablieferung von Beiträgen an ihre Vorsorgeeinrichtung zu Recht massiv schwinden.

Der technische Zins und die dazu erforderlichen Erträge, die im Umwandlungssatz stecken, hätten von Vorsorgeeinrichtungen bis anhin problemlos überboten werden können. Eine Nachkalkulation anhand der historischen Aufzeichnungen seit 1925 zeigt, dass die Produktionsvorgaben mit aktuariellen Berechnungen chronisch zu tief lagen. Fast immer hätten grössere Kuchen hergestellt werden können und nie wurde die seit je zunehmende Lebenserwartung zum Problem. Das hiezu erforderliche innere Wachstum des Teigs konnte mit einer geeigneten Wahl der Rohstoffe jederzeit erreicht werden. Mit dem Rohstoff Aktien wurde in besagter Periode über 85 Jahre eine Rendite von 7,6 Prozent und mit Obligationen eine solche von 4,5 Prozent erreicht, während Immobilien im Mittel mit 5 bis 6 Prozent rentiert haben. Die kalkulatorische Grösse von 4 Prozent wurde lediglich mit Versicherungen, dafür deutlich nicht erreicht.

Herbert Brändli ist Betriebswirtschafter und Eidg. dipl. Pensionsversicherungsexperte mit einem breit diversifizierten Auftragsportefeuille. Herbert Brändli ist Gründer und Leiter der B+B Vorsorge AG, welche sich zur Aufgabe gemacht hat, mehr Dynamik und Transparenz in die berufliche Vorsorge zu bringen und ihren Kunden eine fundierte Beratung sowie interessante Alternativen zu bieten. Zurück

 

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2 Kommentare

Ernst Schmid
09.02.2010 11:09

Sehr geehrter Herr Brändli,
vor dem lesen ihren Ausführungen war ich der Meinung, dass ich als kurz vor der Pensionierung stehende Person Ja stimmen muss, damit die folgenden Generationen von diesem Kuchen wirklich etwas bekommen. Ihre Darstellung hat meine Meinung nun ganz klar geändert. Ich befürchte, dass diese Information nicht sehr verbreitet ist. Schade
mfg E.Schmid

Andreas Von Bergen
08.02.2010 16:43

Sehr geehrter Herr Brändli,
Diese Darlegung des Debakels ist hier wirklich sehr treffend und verständlich ausgeführt.
Schade nur, dass das allzu viele Stimmberechtigte nicht lesen.
Man müsste das auf Flyers breit verteilen können.......

Mfg. A. von Bergen